Bittere Realität

10. August 1994

Dit meisje verloor haar moeder

Es ist der 10. August; es ist noch früh am Morgen aber schon ziemlich warm. Wir gehen mit der Familie an den Strand. Gestern sind wir hier in Moliets angekommen. Wir haben zwei Wochen Wanderurlaub in den Pyrenäen hinter uns und dies ist unser Zwischenstop am Atlantik. Nur einen Tag wollen wir hier pausieren, danach geht es wieder zurück nach Hause.

Der Sand ist warm, beinahe heiß. Eine steife Briese sorgt für hohe Wellen. Es sind viele Menschen am Strand und wir entscheiden uns dazu, uns ein Stück weiter, etwas abseits hinzulegen.

Aus den Dünen mündet ein Fluss rau ins Meer. Durch diesen Fluss müssen wir hindurch waten, denn dahinter ist der Strand viel ruhiger. Mama ist wie ich finde sehr ängstlich und hysterisch wegen der Strömung.

Als wir es geschafft haben, suchen wir uns ein Plätzchen. Wir legen unsere Sachen ab und gehen ins Wasser. Ich gehe mit meinem Vater und meinen beiden Brüder ein Stück ins Wasser. Der Strand fällt flach ab, aber die Strömung zieht kräftig an unseren Beinen. Ein Stück hinter uns folgt auch Mama. Sie ist erneut ängstlich und findet, dass das Meer hier zu gefährlich für mich ist und sie will, dass ich wieder aus dem Wasser komme.
Meine Mutter nimmt mich an der Hand und wir laufen zusammen zurück. Der Weg fällt uns diesmal schwerer und wir merken, dass die Strömung uns mitzieht. Wir versuchen, aus der Strömung zu kommen, aber kommen immer weiter ins tiefe Wasser. Die Wellen werden hier stets höher und brechen schnell nacheinander.
Mama und ich merken, dass dies nicht gut geht und schreien um Hilfe. Wir sehen Papa und meine Brüder ein Stück weiter lachend durchs Wasser gehen, aber sie können uns nicht hören, wegen der heftigen Brandung und den immer wilder werdenden Wellen.

Mama schnappt mich an den Trägern meines Badeanzuges und wir schreien, aber unser Geschrei verhallt in dem höllischen Getöse des Atlantiks.

Auf einmal ist Mama weg; sie hält micht nicht mehr fest.
Ich strample mit meinen Beinen und muss mich sehr anstrengen, über Wasser zu bleiben. Es fühlt sich an, als ob ich mit dem Meer kämpfe. Es wird immer schwieriger und die Möglichkeiten Luft zu holen werden immer weniger.
In diesem Moment sehe ich Mama wieder oder eigentlich nur den Rücken von Mama, denn ihr Kopf ist unter Wasser.
Sofort wird sie wieder von einer Welle erfasst und weggespült. Weg von mir. Für immer. Das weiß ich schon.

Wieder eine Welle, die mich unter Wasser drückt. Es fühlt sich so an, als ob das salzige Wasser in meinen Körper strömt. Ich kann nicht mehr denken, Luft!, ich muss atmen! Prustend komme ich wieder an die Oberfläche, wieder eine Welle, ich kann nicht mehr! Meine Beine schmerzen. Wie soll ich hier raus kommen?!

Dann werde ich sehr ruhig. Der hellgrüne Schein des Wassers beruhigt mich und das Rauschen der Wellen verschwindet in den Hintergrund. Ich höre auf, mich zu bewegen.

Und dann komme ich wieder nach oben und alles beginnt wieder von vorn. Ich darf nicht aufgeben!
In diesem Moment sehe ich zwei Jungs und schreie. Doller schreien kann ich nicht! Sie sehen mich! Und sie kommen zu mir.
Ich werde auf ein Bodyboard gebunden und bei jeder Welle heben sie mich nach oben aus dem Wasser, sodass ich kein Wasser mehr einatme. Als ich wieder Luft holen kann, rufe ich sofort in gebrochenem Deutsch, dass meine Mutter irgendwo leblos im Meer treibt.

Eine der beiden Jungs geht auf die Suche nach Mama und der andere bleibt bei mir und hilft mir ans Ufer. Er bringt mich zu seiner Mutter, die mich in ein Handtuch wickelt und mich zu sich nimmt. Als ich mich wieder etwas beruhigt habe, hilft sie mir, nach meiner Familie zu suchen.

Schon von Weitem sehe ich meine Brüder Beachball spielen. Sie haben noch keine Ahnung! Als ich erzähle, dass Mama tot ist, werde ich in die Arme genommen. Mein einer Bruder läuft in die Richtung, wo sich eine Menschentraube gebildet hat. Es ist den Jungs gelungen, Mamas Körper zu finden. Mein Vater, der uns gesucht hat, ist bereits da. Alles wird eingesetzt, um das Leben meiner Mutter zu retten!

Mein anderer Bruder nimmt mich mit und sagt, dass ich nicht mehr hinsehen soll. Wir gehen zusammen zu unserem Platz auf dem Campingplatz. Während wir gehen, fliegt ein Hubschrauber über unsere Köpfe hinweg in Mamas Richtung.

Eine Weile nachdem mein Bruder und ich zurück bei unseren Zelten sind, kommt mein anderer Bruder mit meinem Vater zurück. Sie berichten, dass Mama mit dem Hubschrauber in ein Krankenhaus geflogen wird und wir gleich dorthin fahren können.
Ich verkrieche mich in meinem Bett in meinem Zelt. Ich schmecke das Salz in meinem Mund, aber fühle ansonsten nichts.

Etwas später brechen wir zum Krankenhaus von Dax auf. Dort angekommen, wird Papa direkt mitgenommen durch eine Schwester. Wir Kinder müssen im Wartezimmer bleiben.
Mein Bruder sagt mir, dass ich nicht den Mut verlieren soll und dass es noch Hoffnung gibt! Vielleicht hat sie Glück gehabt sagt er. Immerhin hat sie einen schönen kleinen Rundflug im Hubschrauber gehabt.

Dann kommt Papa zurück. Er nimmt uns ohne viele Worte mit zum Auto und wir fahren ein Stück. Auf einem kleinen Parkplatz hält Papa das Auto an. Wir gehen zu einer Wiese am Rand eines Baches. Papa erzählt und zieht mich an sich heran. Das Einzige, was er dann sagt ist, dass es ganz schlimm ist und es nicht schlimmer hätte kommen können...

Die darauf folgende Zeit ist leer und auf bizarre Weise normal. Es müssen allerlei Dinge organisiert werden.
Ich denke darüber nach, dass ich nun die einzige Frau im Haus bin und überlege, welche Aufgaben wohl dazu gehören werden.
Mein Bruder sagt, dass wir eine große Wunde zugefügt bekommen haben, durch das, was geschehen ist, und dass wir diese heilen müssen. Wir dürfen kein Salz in diese Wunde streuen, sondern müssen die Wunde pflegen. Nie wird sie ganz verschwinden, für immer bleibt eine Narbe zurück. Wir können kratzen, weil es so hässlich aussieht, aber wir müssen es akzeptieren und lernen dass wir damit von nun an durchs Leben werden gehen müssen.

Wir fliegen nach Hause. Es ist mein erster Flug und es ist phantastisch! Mamas Leichnam wird erst in 10 Tagen nach Holland überführt. Mitten in der Nacht kommen wir zu Hause an. Unsere beiden Katzen heißen uns willkommen und es scheint, als wüssten sie, was passiert ist.

Warum teile ich das?

Manch einer würde es an meiner Stelle zu persönlich finden, soetwas über Social Media zu teilen.
Es ist eben ziemlich konfrontierend und vielleicht auch etwas ab von meiner Blogger-Niche.

Für jeden wird es anders sein, denke ich. Ich sehe es so:

1. Es ist gut für mich, diese Geschichte zu erzählen. Es ist meine Geschichte. Traumaverarbeitung hört nie auf und jede Gelegenheit, diese Geschichte nach draußen zu lassen bringt mich mehr zu mir selbst und gibt mir mehr Luft zum atmen.

2. Diese Geschichte ist ausschlaggebend für wer ich heute bin, für mich als Person und für mich als Mutter. Es erklärt zu einem gewissen Teil auch, weshalb ich Vollzeitmutter bin. Ich gehöre zu meinen Kindern und sie zu mir! Ich bin immer für sie da! Auch wenn sie flügge werden. Man weiß eben leider nie, was das Leben für einen in petto hat...

Das Foto oben von mir wurde kurz vor dem Tode meiner Mutter gemacht.
So wie die sensationsgierigen, ungenierten Schaulustigen am Strand nach etwas gucken, was sie, abgestumpft durchs Fernsehen, kennen, ohne sich bewusst davon zu sein, dass was sie sehen die bittere Realität ist, kann ich mich selbst ansehen und mich fragen: "Ist das wirklich ein Teil meiner eigenen Biografie?".

The story goes on!

eind goed al goedIn einem Alter von 11 Jahren habe ich meine Mutter in den Wellen des Atlantiks verloren.
11 Jahre später bin ich zurück nach Moliets Plage gefahren, um die Konfrontation mit dem Ozean anzugehen.

Eine treue Freundin begleitete mich und wir haben daraus einen wundervollen und schönen Urlaub gemacht. Sie hat mich dabei begleitet, ins Meer zu gehen und ich habe den Wellen und der Strömung mal ordentlich die Meinung gegeigt.
Danach haben der Atlantik und ich Frieden geschlossen. 

Während eines romantischen Sonnenuntergangs träumten wir von netten Jungs an unserer Seite. Und als ob jemand uns erhört hätte, lernten wir an diesem Abend eine Truppe toller deutscher Jungs kennen.

Unter 1000 Sternen, direkt neben der Brandung des ungestümen, phantastischen, lebenssertörenden, romantischen Ozeans lernte ich meinen Traummann kennen.

Im Alter von 11 Jahren habe ich meine Mutter verloren, aber haben zwei deutsche Jungs mein Leben gerettet.
In Alter von 22 Jahren ist ein Deutscher Junge mein Leben geworden .

Inzwischen sind wir 13 Jahre, eine Hochzeit und drei Kinder weiter. Wenn wir zusammen nicht die turbulenten Gewässer des Lebens überstehen, dann sind wir Dummköpfe. Am Engagement meiner Mutter wird es wohl nicht liegen 😉.

Danke Mama für dein Geschenk! Ich schicke Dir eine Umarmung in den Himmel! 😘

Geplaatst in Leven met verlies.

3 reacties

  1. Lieve Eveline, Als ik dit lees voel ik weer het ongeloof en de pijn dat ons allen trof toen je bij Matruschka bijenwas kaarsen kwam kopen voor je mama. Een trauma dat je iedere keer weer opnieuw moet verwerken. Je bent een fijne lieve moeder lees ik. Net zoals jouw moeder die in verschillende van onze fotoboeken terug te vinden is toen we samen vakantie vierden in Muggenbrunn. In liefde aan haar terug denkend stuur ik je veel liefs, Micheline

    • Lieve Micheline,
      Ik kan me dat kaarsen kopen niet meer herinneren. Fijn weer zo’n extra puzzelstukje waar je eerder over schreef. Aan Muggenbrunn heb ik ook heel fijne herinneringen!
      Dank voor je lieve woorden!
      Liefs

  2. Pingback: Rauwe werkelijkheid | Bientjes Everyday Mommyday

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